Hat der Bau der Berliner Mauer „einen Krieg verhindert“?

8 Aug
“]Erich Honecker, watched by his supporter Walter Ulbricht

07.08.2011 | 18:34 | PAUL SCHULMEISTER (Die Presse)

Die Geschichtsklitterung von DDR-Anhängern hält auch nach 50 Jahren an. Die Todesmauer im Strom der Erinnerung und des Vergessens in Europa.

Praktisch niemand in der DDR wusste von der „Operation Rose“.

Als Letzte wurden am späten Abend die Bataillonskommandeure der Nationalen Volksarmee instruiert. Es war der 12. August 1961. Um Mitternacht rief Erich Honecker im NVA-Hauptquartier an: „Die Aufgabe kennst du ja! Marschiert!“

Die Abriegelung „Westberlins“ begann. 28 Jahre lang symbolisierte die Mauer die „menschenverachtende Diktatur“ des Kommunismus .Honecker oblag damals als ZK-Sekretär die gesamte Vorbereitung. Die Aktion wurde zu seinem „Meisterstück“.

Was waren die Hintergründe? Die Deutschlandfrage hatte sich seit Langem zugespitzt. Was sollte mit Berlin geschehen? Der Flüchtlingsstrom schwoll an. 1958 hatte es ein erstes (später mehrmals verlängertes) Berlin-Ultimatum von Chruschtschow gegeben. Es lag etwas in der Luft, doch kein westlicher Geheimdienst ahnte Genaueres.

Staats- und Parteichef Walter Ulbricht erklärte am 15. Juni 1961: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“  Das war richtig, weil Chruschtschow zu diesem Zeitpunkt noch kein grünes Licht gegeben hatte.

Als die Berliner am Sonntagmorgen erwachten, waren 68 der 81 Grenzübergangsstellen und sämtliche 193 Straßen zwischen Ost und West abgeriegelt.

An alles hatte Honecker gedacht: Kanalsperren im Untergrund, stillgelegte U-Bahnhöfe, unterbrochene Strom- und Telefonleitungen usw. Selbst die Sowjets hatten bis zuletzt Zweifel, ob sich eine Millionenstadt über Nacht technisch spalten lasse. Doch nach Ulbrichts Auffassung konnte nur ein Mauerbau das Ausbluten der DDR verhindern.

50 Jahre danach sind viele Altgenossen der SED immer noch dabei, die Mauer als Mittel für ein höheres Ziel zu rechtfertigen. „Ohne Mauer hätte es Krieg gegeben“, heißt das Buch zweier DDR-Spitzenleute, beide wegen des Schießbefehls zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Mit ihren Thesen ernten Ex-Verteidigungsminister Heinz Keßler und Fritz Streletz, einst Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates, bei ihren Gesinnungsfreunden lauten Beifall.

Die Geschichtsklitterung hat schon 1961 angefangen. Offiziell sprach die DDR vom „antifaschistischen Schutzwall“ – so als sollte die Mauer eine drohende Invasion der Westberliner stoppen. Doch ihr alleiniger Zweck war es, für hunderttausende Fluchtwillige das letzte Schlupfloch zu schließen.

Seit der DDR-Gründung waren rund zwei Millionen Menschen abgehauen. Zuletzt stieg die Fluchtrate exorbitant an: zeitweise auf mehr als 20.000 pro Monat. Die Torschlusspanik wuchs.

Über Nacht verwaisten Betriebe, Krankenhausabteilungen und Dienststellen. Die Abwanderung habe die DDR 120 Milliarden Mark gekostet, schreiben die Exgeneräle – „für die BRD ein kostenloser Zufluss an Humankapital“.

Mehr als 200 Menschen verloren ihr Leben an der Mauer. Nur den wenigsten gelang es überhaupt, den Sperrriegel zu erreichen. Abertausende wurden schon wegen bloßer Fluchtabsicht geschnappt (für die Aufdeckung ihrer Absicht sorgte das einmalige Spitzelsystem der DDR). 34.000 Verurteilte wurden von Bonn freigekauft. 3,5 Milliarden DM flossen so nach Ost-Berlin.

Zwei Wochen nach dem Mauerbau schrieb Ulbricht in spätstalinistischer Prosa: „Konterrevolutionäres Ungeziefer, Spione und Diversanten, Schieber und Menschenhändler, Prostituierte, verdorbene Halbstarke und andere Gegner der volksdemokratischen Ordnung saugen sich an unserer Arbeiter- und Bauern-Republik wie Blutegel oder Wanzen am gesunden Körper fest. [?] Wenn man das Unkraut nicht bekämpft, dann erstickt es die junge Saat.“

Ulbricht – meinen die Buchautoren – sei gar nicht schuld gewesen am Mauerbau, sondern Chruschtschow. Welche Fälschung! Monatelang hatte Ulbricht mit geschickter Salamitaktik den Kremlchef bedrängt, den Vier Mächte-Status einseitig aufzuheben mit dem Ziel, letztlich ganz Berlin einzusacken. Als Chruschtschow beim Wiener Gipfel Anfang Juni den Eindruck eines schwachen US-Präsidenten Kennedy gewann, gab er wenige Wochen später Ulbrichts Drängen zum Teil nach:

Ja zur Mauer, Nein zu jeder Verletzung der Westberliner Alliiertenrechte.

Das war auch für Kennedy die rote Linie, wie er in einer Fernsehansprache Ende Juli deutlich machte. Kurz danach sagte er zu seinem Berater Walt Rostow:

„Ostdeutschland entgleitet Chruschtschow. Das kann er nicht zulassen. Wenn Ostdeutschland verloren geht, sind auch Polen und ganz Osteuropa verloren. Er wird etwas tun müssen, um den Flüchtlingsstrom zu unterbinden – vielleicht eine Mauer bauen. Und wir werden es nicht verhindern können. Ich kann das [westliche] Bündnis auf die Verteidigung Westberlins einschwören, aber ich kann nichts tun, um Ost-Berlin offenzuhalten.“

Es war also nicht der Mauerbau, der einen Krieg verhinderte, sondern der Ulbricht aufgezwungene Verzicht darauf, die drei Alliierten aus Westberlin, wenn nötig gewaltsam, zu verjagen.

Die windelweiche Reaktion des Westens erschütterte die Westberliner. Willy Brandt zog, als er als Bundeskanzler seine „Ostpolitik“ begann, den Schluss, dass man zwecks Überwindung der Teilungsfolgen mit der Strategie „Wandel durch Annäherung“ den Menschen besser helfen könnte (was ja auch stimmte). Jene DDR-Bürger, die zuletzt immer mutiger aufbegehrten, brachten die Mauer am 9. November 1989 zum Einsturz – die einzige geglückte Revolution der Deutschen.

Acht Monate später kamen in Monte Carlo 81 große Mauerstücke zur Versteigerung, Durchschnittspreis 10.000 Euro. Von den 160 Mauerkilometern von einst gibt es noch rund zwei Kilometer Fragmente. Keiner hat 1990 den Maueranblick weiterhin ertragen wollen. Heute fragen Touristen: „Where is the wall?“

Inzwischen sind die Ossi/Wessi-Ressentiments im langsamen Aussterben begriffen. Bei der Nach-Wende-Generation gibt es die „Mauer in den Köpfen“ nicht mehr. Doch zugleich schwindet das Wissen.

Nach einer Umfrage vor wenigen Jahren konnte die Mehrheit der deutschen Oberschüler Demokratie von Diktatur nicht klar unterscheiden. Manche halten die Mauer für einen Bau des Westens.

57 Prozent der Ostdeutschen sehen in der DDR immer noch mehr gute als schlechte Seiten. Und die Stasi? Einen Geheimdienst gebe es doch in jedem Staat!

Der Strom des Vergessens ist unerbittlich. Ohne Erinnerungsarbeit, die eine politisch und moralisch gescheiterte Vergangenheit nicht verschweigt, kann eine Bürgergesellschaft mit gemeinsamem Wertebewusstsein schwerlich entstehen.

Dieser Text stützt sich auf verschiedene Bücher zum Thema Mauer/DDR, u. a. von Frederick Taylor, Edgar Wolfrum, Hope M. Harrison und Klaus-Dietmar Henke.

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