Steinstücken. „Wir waren besonders“

13 Aug
Berlin blockade

Berlin blockade (Photo credit: Wikipedia)

Steinstücker zu sein – das galt etwas. Denn Steinstücker hatten Sonderrechte. Drei Straßen klein war die Westberliner Exklave auf DDR-Terrain. Eingemauert und bewacht von der DDR und beschützt von den Amerikanern leben die Steinstücker ihre ganz eigene Realität. Gert Knecht wohnte an der Mauer, hörte nachts die Hunde und den Alarm.

Heute herrscht Stille in Steinstücken und Knecht sehnt sich zurück.

Bereits 1898 wurde Stolpe einschließlich dieser Exklave in die Landgemeinde Wannsee übernommen und gelangte somit 1920 bei der Bildung Groß-Berlins zum neu entstandenen Bezirk Zehlendorf. Ebenso ging es anderen bewohnten Exklaven wie Fichtenwiese, Erlengrund, Finkenkrug (alle Bezirk Spandau), aber auch unbewohnten (siehe Tabelle). Sie gehörten verwaltungsmäßig zu Berlin, lagen aber außerhalb des geschlossenen Stadtgebiets.

Westberliner Exklaven auf DDR-Gebiet

Zu Zeiten des Kalten Krieges geriet das winzige bewohnte Fleckchen Steinstücken wiederholt in das politische Räderwerk der beiden Großmächte Sowjetunion und USA und damit auch in die internationalen Schlagzeilen. Mehrmals wurden Versuche der DDR registriert, Steinstücken als Bestandteil des von den US-Amerikanern besetzten Bezirks Zehlendorf abzutrennen. Allerdings meldeten die Medien am 30. August 1972, dass eine Verbindungsstraße zwischen dem Ortsteil Kohlhasenbrück (Bezirk Zehlendorf) und der Exklave Steinstücken eröffnet wurde. Als Voraussetzung dazu bedurfte es allerdings einer gewichtigen internationalen Vereinbarung, des Viermächteabkommens über Berlin vom 3. September 1971.

An aerial view of a segment of the Berlin Wall.

An aerial view of a segment of the Berlin Wall. (Photo credit: Wikipedia)

Die Geschichte von Steinstücken geht bis auf das Jahr 1787 zurück, als das Dorf Stolpe ca. 12 ha Land erwarb, auf dem sich 1817 eine Kolonie ansiedelte, die den Namen Steinstücken erhielt und eine Exklave zum Dorfkern darstellte.

Aus dieser eigenartigen lokalen Konstellation ergaben sich bis 1945 auf kommunaler Ebene keinerlei verwaltungsmäßige Probleme. Sie entstanden erst nach Kriegsende mit der Aufteilung Deutschlands und des Großberliner Stadtgebiets in die vier Besatzungszonen und nach der mit den Jahren zunehmenden Ost-West-Konfrontation. Das Steinstücken umgebende Brandenburg gehörte ab 1945 zur sowjetischen Besatzungszone (SBZ), Steinstücken mit seinen 200 Einwohnern als Teil des Bezirks Zehlendorf jedoch zum us-amerikanischen Sektor von Berlin und unterlag somit dem Viermächtestatus der Stadt. Am 18. Oktober 1951 besetzte die Volkspolizei der DDR in Abstimmung mit der sowjetischen Besatzungsmacht widerrechtlich Steinstücken, und die DDR verkündete eiligst die Eingemeindung Steinstückens, unweit der Babelsberger Filmstudios gelegen, in das Stadtgebiet von Potsdam. Damit eroberte – so gesehen – der Ostblock einen Teil des us-amerikanischen Sektors von Berlin.

Die USA protestierten gegen diesen willkürlichen Schritt, und schon vier Tage später erfolgte der Widerruf. Die Volkspolizei zog sich als Reaktion auf den Protest der US-Amerikaner wieder aus der Exklave zurück.

Deutsch: Lage Exklave Steinstücken bei Berlin ...

Deutsch: Lage Exklave Steinstücken bei Berlin Lage von Steinstücken basierend auf PNG Grafik von Wiki Artikel Liste der Orte in Berlin unter Bild:Lage_Bezirke_in_Berlin.png demzufolge GNU/FDL (Photo credit: Wikipedia)

Ein halbes Jahr später, ab 27. Mai 1952, errichtete die DDR an ihren Grenzen zur Bundesrepublik und den Außengrenzen zu West-Berlin erste Sperranlagen als Protest gegen die geplante Wiederaufrüstung im Rahmen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG).

Der freie Übergang von Bürgern nach Ost oder West beschränkte sich fortan nur noch auf die nicht kontrollierte Grenze zwischen den Sektoren innerhalb Berlins. In den folgenden vier Wochen verließen über 16 000 Menschen die DDR in der Annahme, dass bald auch die Grenzen in Berlin geschlossen werden könnten. Auch Steinstücken wurde den lokalen Bedingungen entsprechend mit Kontroll- und Schutzstreifen umgrenzt, so dass ein unkontrollierter Zugang zur Exklave nicht mehr möglich war. Die Straße zwischen Steinstücken und Kohlhasenbrück, dem nächstgelegenen Teil West-Berlins, lag auf dem Territorium der DDR und wurde von nun an unter ständige Kontrolle genommen. Die drei westlichen Hochkommissare erhoben am 29. Mai 1952 gegen alle diese von der Sowjetunion gedeckten Maßnahmen der DDR Protest.

Im Juni 1952 legte die Ostseite von sich aus fest, dass jegliche Besucher nur noch mit einer polizeilichen Anmeldung beim zuständigen Polizeirevier 162 in Wannsee nach Steinstücken gelangen können. Davon war auch jeder Handwerker und jeder Lieferant betroffen, der zu einer Dienstleistung nach Steinstücken gerufen wurde. Diese Regelung führte zur dauerhaften symbolischen Stationierung von drei Soldaten der US-Army in Steinstücken. Jede nachfolgende Besetzung der Exklave durch Volkspolizei oder Sowjetarmee wäre nun durch die westliche Seite als ein direkter Angriff auf die USA gewertet worden. Die Rechte der US-Amerikaner als Schutzmacht für West-Berlin als Ganzes und ihren Sektor im besonderen wurden dadurch nachhaltig demonstriert. Sie behielten ihren unkontrollierten Zugang nach Steinstücken, unabhängig von den Regelungen der DDR. Wer allerdings als Bundesbürger oder Westberliner nach Steinstücken wollte, musste stets Transit über das Gebiet des inzwischen nach Auflösung des Landes Brandenburg entstandenen Bezirks Potsdam nehmen. Die US Air Force hielt ständig einen Hubschrauber für den Luftkontakt in Bereitschaft. Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 erhielt Steinstücken nunmehr eine völlig undurchlässige Umzäunung.

steinstücken-14.03.´90

steinstücken-14.03.´90 (Photo credit: ottosalomon)

Für die Steinstückener war es natürlich psychisch belastend, unausgesetzt wie auf einer Insel von einem als feindlich empfundenen Meer umgeben zu sein. Die Hysterie des Kalten Krieges hielt die Bewohner in Atem, die Weltpolitik kam hautnah an sie heran. Jeder wusste, dass Wasser und Strom aus der DDR geliefert wurden und jederzeit entsprechend der politischen Wetterlage unterbrochen werden konnten. Irgendwie mutete die Situation aber auch wie eine Idylle an, denn lästige Besucher und unwillkommene Neugierige gab es nicht, die Kriminalität bewegte sich auf einem Nullpunkt. Es herrschte mehr die Atmosphäre einer aufeinander angewiesenen Trutzgemeinschaft. Man kannte sich und war über parteipolitische Grenzen hinweg gegen die andere politische Macht fest verbunden.
Wesentlich erleichtert wurde die Lage der Steinstückener, als im August 1972 die eingangs bereits erwähnte Verbindungsstraße übernommen und ausgebaut wurde. Diese Straße existierte schon seit Jahrzehnten und trug seit 1925 den Namen Bernhard-Beyer-Straße, benannt nach einem Grundbesitzer und Schöffen aus Kohlhasenbrück, der sich einst auch Verdienste als stellvertretender Amtsvorsteher von Wannsee erworben hatte. Die politischen Voraussetzungen für die Straßenübernahme schuf das Viermächteabkommen vom 3. September 1971.

Steinstücken

Steinstücken (Photo credit: Wikipedia)

Dort wurde festgehalten: »Die Probleme der kleinen Enklaven (aus der Sicht der DDR – B. M.) einschließlich Steinstücken und anderer kleiner Gebiete können durch Gebietsaustausch gelöst werden.« (Anlage III 3) Verhandlungen zwischen dem Senat von West-Berlin und der Regierung der DDR führten am 3. Juni 1972 zu einer Vereinbarung über einen Gebietsaustausch von 15,6 ha für die DDR und 17,1 ha für West-Berlin bei einem Wertausgleich von 4 Millionen DM für die DDR.
Für die Verbindungsstraße wurde eine Fläche von 2,3 ha in Anschlag gebracht. Die Straße wirkte mit ihrer Breite von 100 m und ihrer Länge von 1 200 m vergleichsweise wie ein schmaler Korridor, wie ein enger Schlauch, der rechts und links von den üblichen Grenzsicherungsanlagen der der DDR umfasst und ständig bewacht war. Für die DDR-Seite verlängerte sich die nach West-Berlin zu bewachende Grenze somit um etwa 2,5 km.

Das alles war Grund genug für den Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz (*1926) und den us-amerikanischen Stadtkommandanten William W. Cobb, die Bedeutung dieses Ereignisses durch ihre Anwesenheit zu unterstreichen.
Mit dieser von beiden politischen Seiten getragenen Regelung fiel Steinstücken künftig aus den Schlagzeilen der Medien heraus. 1976 entstand auf dem Hubschrauberlandeplatz in Steinstücken in Anlehnung an das große Denkmal am Platz der Luftbrücke in Tempelhof ein symbolisches »Luftbrückendenkmal« . Mit der Wiedervereinigung Berlins am 3. Oktober 1990 und der Anerkennung der getroffenen Vereinbarungen durch die neu legitimierte Landesregierung von Brandenburg endete nun endgültig ein besonderes Kapitel der gespaltenen Stadt Berlin.

Nach 20 Jahren war nun wieder ein öffentlicher und nicht von der DDR zu kontrollierender Zugang für jeden Bundesbürger und Westberliner möglich. Die Buslinie 118 erweiterte sich durch die direkte Anbindung Steinstückens an das Westberliner Stadtgebiet. Auch Energie und Wasser bezogen die Bewohner nunmehr aus West-Berlin.

Steinstücken - Westberliner Exklave

Steinstücken – Westberliner Exklave

Die West-Berliner Grenzpolizisten frotzeln, als Gert Knecht das erste Mal seine neue Heimat betritt: „Was wollen Sie denn da? Da wohnen doch nur Steuerhinterzieher.“

Berlin-Steinstücken. Eine West-Burg auf DDR-Terrain. Drei Straßen, ummauert von DDR-Beton.

Der Grundstückspreis hat den Kreuzberger gelockt. 13,50 Mark der Quadratmeter.

Memorial plaque, Steinstücken, Königsweg 308, ...

Memorial plaque, Steinstücken, Königsweg 308, Berlin-Wannsee, Germany Koordinate: 52°23′51″N 13°8′36″E / °S °W / ; latd>90 (dms format) in latd latm lats longm longs (Photo credit: Wikipedia)

Steinstücken, das sind zwölf Hektar rechtsfreier Raum.

„Es herrschte quasi Anarchie“, erinnert sich Knecht. „Kein Polizist, kein Finanzbeamter kam hier rein.“

Kaufmann Knecht schaffte die Einreise 1971 nach einem Behörden-Marathon.

Knecht ist damals einer von 128 Steinstückern, der kleine Ort am süd-westlichen Zipfel von Berlin: ein Unikat deutsch-deutscher Geschichte – die einzige dauerhaft bewohnte Westberliner Exklave im Kalten Krieg.

Steinstücken gehört 1945 als Teil von Zehlendorf zwar zum US-Sektor, ist aber eingebettet in Babelsberg und damit in die Sowjetzone. 1951 versucht die DDR, die Exklave zu annektieren, die USA schreiten ein, Steinstücken wird abgeriegelt und fortan von der Nationalen Volksarmee bewacht. Die einzig verbleibende Verbindung nach West-Berlin ist ein 1,2 Kilometer langer Waldweg, der über zwei Grenzübergänge nach Kohlhasenbrück führt. Die Insel vor der Insel wird zur Sensation, Gert Knecht zu ihrem Chronisten.

Eins, zwei, drei. Der 73-Jährige zählt die Schritte vom Hintereingang seines Hauses an der Bernhard-Beyer-Straße 8 bis zum Gartenzaun. „Genau hier stand die Mauer. Das Grauen auf der anderen Seite haben wir ausgeblendet.“ Schüsse seien oft zu hören gewesen, doch dabei habe es sich nicht zwangsläufig um Grenzverletzungen gehandelt. „Es wurde auch viel gejagt in der Gegend.“ Gestört habe ihn nur der nächtliche Alarm. Und die Hunde. „Die taten mir so leid, die haben nachts in der Kälte laut gejault.“

Knecht tritt vor das Gartentor, überquert die Bernhard-Beyer-Straße. Er deutet auf das Haus Nr. 10, das die amerikanischen Soldaten beherbergte, die Schutz verhießen – und staunenden Kindern das Kaugummikauen beibrachten. Drei Soldaten der US-Armee waren dauerhaft in Steinstücken stationiert. Knechts Blick schweift zurück zu seinem Grundstück. Als er dort 1973 ein zweites Haus baut, spähen die Grenzer in Hubwagen und mit Richtmikrophonen über die Mauer. „Hätte ja sein können, dass ich nen Tunnel baue“. Knecht lacht. Nach dem Mauerfall liest er seine Stasi-Akte. Er findet wenig Aufschlussreiches, viel Geschwärztes.

Die Mauer, die Grenze – das habe schnell dazugehört. „Uns hat es an nichts gefehlt“, betont Knecht. Der Arzt kam regelmäßig, und die Lebensmittelhändlerin erfüllte auf Bestellung fast jeden Wunsch. Einen Marktplatz gab es nicht, dafür aber eine Tratschzentrale. Knecht zeigt in Richtung Waldrand. „Am Steinweg, dort drüben, war der Taubenschlag.“ Die Kneipe war Stammlokal, sein Juwel ein Fernseher, ein Geschenk der Amerikaner. Hier wurde der steinerne Blick der Grenzer imitiert, machten Fluchtgeschichten die Runde. Hier wurde über das dreckige Trinkwasser geschimpft, das aus der DDR kam, und das jährliche Sommerfest mit den Soldaten vorbereitet.

Knecht biegt links ab in die Parforce-Heide, ins Potsdamer Land, ehemaliges Grenzgebiet. Wo früher die Kontrollstelle war, wachsen heute Kiefern. „Haben Sie Waffen oder Tonträger?“, ahmt Knecht lauthals den sächsischen Dialekt der Grenzer nach. Vier Mal täglich passierte er damals die Grenze, zwei Kontrollen auf dem Weg zur Arbeit, zwei auf dem Heimweg. Vier Mal den Pass vorzeigen und den Kofferraum öffnen.

Memorial plaque, Steinstücken, Königsweg 308, ...

Memorial plaque, Steinstücken, Königsweg 308, Berlin-Wannsee, Germany Koordinate: 52°23′51″N 13°8′36″E / °S °W / ; latd>90 (dms format) in latd latm lats longm longs (Photo credit: Wikipedia)

Höher waren die Hürden für Besucher aus dem Westen. Nur Einwohner durften die Exklave betreten, die vielen DDR-Flüchtlingen als Schlupfloch in den Westen diente. „Deshalb hatte ich damals sage und schreibe 33 Untermieter – auf dem Papier“, erzählt Knecht. Wer mit Familie Knecht in Steinstücken Kaffee trinken wollte, musste seinen Zweitwohnsitz in der Exklave haben — als Passierschein.

Die Wende kommt in Steinstücken wesentlich früher – am 30. August 1972. Durch Gebietsaustausch tritt die DDR einen 20 Meter breiten und einen Kilometer langen Gebietsstreifen von Steinstücken nach Kohlhasenbrück an West-Berlin ab. Steinstücken erhält eine ummauerte Direktverbindung.

„Die Wessis kamen in Scharen“, um endlich das sagenumwobene Steinstücken zu sehen. Es gibt Freibier als Begrüßungstrunk. „Die haben vielleicht dumme Fragen gestellt“, ob man schon West-Währung habe, ob man ausreichend versorgt sei. „Die hielten uns für totale Hinterwäldler“. Knecht genießt das Interesse – bis heute. Der 73jährige gehört zu den Letzten, die sich erinnern. „Die Neuen interessieren sich nicht für diese alten Geschichten.“

Vor drei Wochen wollte Knecht wieder einmal das Messingschild am Sockel des Hubschrauber-Denkmals putzen – zu Ehren der amerikanischen Beschützer von einst. Knecht schraubte es ab und nahm es mit nach Hause, zur Politur. Eine halbe Stunde später stand die Polizei vor seiner Tür. Anwohner hatten den Diebstahl des Schildes gemeldet. Knecht schüttelt bei dem Gedanken daran noch immer den Kopf. Oft sehnt er sich zurück. Doch der rechtsfreie Raum Steinstücken ist endgültig Geschichte.

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