Das rote Preußen

14 Aug
Adam Riese (1492–1559), mathématicien allemand

Image via Wikipedia

Aus zwei mach eins: Mit ihrem ganzen Prestige werben der Sozialdemokrat Manfred Stolpe und der Christdemokrat Eberhard Diepgen für ein gemeinsames Land Berlin-Brandenburg. Aber die Vorbehalte sind hier wie dort riesengroß. Die West-Berliner befürchten, daß sie im „roten Meer“ untergehen und die DDR wiederaufersteht; die Märker verabscheuen ohnehin von jeher die Hauptstädter. Die Ressentiments sind seit der Wiedervereinigung eher gewachsen.

Auch in Preußen waren die Märker seit jeher darauf bedacht, Distanz zu den als großmäulig und ruhelos geltenden Großstädtern zu wahren. Die Alliierten spalteten die zerbombte Metropole schließlich vom Umland ab, direkte Folge des Vier-Mächte-Status nach dem Zweiten Weltkrieg; der preußische Staat wurde zerschlagen und verboten, die Teilung besiegelt.

Tatsächlich konnten sich Brandenburger und Berliner nie besonders gut leiden. Als die Hauptstadt im Jahre 1912 mit sechs brandenburgischen Nachbarstädten und zwei Landkreisen zu Groß-Berlin vereinigt werden sollte, loderte eine ähnliche Angstdebatte wie heute auf. „Mög“ schützen uns des Kaisers Hand vor Groß-Berlin und Zweckverband“, dichteten die Fusionsgegner vor 80 Jahren.

Denn in Herz und Bauch der Brandenburger nistet die Angst vor der Dominanz der Hauptstadt-Wessis. Die Metropole gilt ihnen als Hochburg von Glücksrittern und Abwicklern. Alteingesessene West-Berliner hingegen fürchten den Untergang im „roten Meer“ und dazu „Stasi-Stolpe“ als künftigen Ministerpräsidenten eines geeinten Landes.

Die Vorbehalte gegen die angebahnte Integration sind historisch tief begründet. Die Brandenburger sind stolz aufs Ländliche, Altvordere, Langsame ihrer Provinz. Das gute alte Preußen, das für viele von ihnen schon mit der Reichsgründung 1871 unterging, hatte auch hier seine – karge – Seelenlandschaft; Fehrbellin, Königs Wusterhausen, Neuruppin sind historische Orte in der borussischen Heldengalerie.

Berlin aber war aus märkischer Sicht von jeher ein Hort ruchloser Modernität und stürmischen Fortschritts, der Unheil brachte: erst die Revolution 1848 und bald Wilhelm II., dann die Revolution 1918 und bald Hitler.

Die Allianz der 3,5 Millionen Hauptstädter mit den 2,5 Millionen Bewohnern des sie umgebenden Flächenstaates ist eine Sache der Vernunft. Und wenn die Berliner und die Brandenburger ihrer Obrigkeit folgen, setzen sie sogar ein politisches Zeichen, daß die Zeiten der deutschen Kleinstaaterei vorbei sind.

Selbstverständlich blickten die Berliner stets herunter auf die Provinzler rund um die Hauptstadt. Brandenburgs Städte eigneten sich aus dieser Warte bestenfalls zur Einrichtung preußischer Garnisonen oder wie Rheinsberg als romantische Ausflugsorte für ein kurzes Wochenende.

Selbst die resolute Regine Hildebrandt, die es gewohnt ist, Einwände lautstark niederzureden, stößt an ihre Grenzen. „Ick weeß, wat Sie jleich sagen werden: Die Berliner fressen uns allet weg“, ruft die Brandenburger Sozialministerin in eine Bürgerversammlung in Rüdersdorf und kontert, um Witz bemüht: „Würden se doch noch mehr fressen, dann könnten wir unsere Brandenburger Produkte bessa absetzen.“

Gut im Gedächtnis ist den Brandenburgern auch noch, wie die ostdeutsche Hauptstadt in der zentralistisch verwalteten DDR stets bevorzugt wurde. Spreewaldgurken gab es nicht im Spreewald, sondern im Kaufhaus Centrum am Alexanderplatz. Und als sich Ost- und West-Berlin Anfang der fünfziger Jahre einen Wettstreit im Wiederaufbau aus Ruinen lieferten, zog die SED fast alle Bauarbeiter aus den Provinzstädten ab. Die verfielen und verrotteten.

Geschickt hat es die PDS-Spitze um Gregor Gysi verstanden, den Einheitsfrust neu zu beleben und in rauschenden Beifall umzusetzen. Wo immer Gysi darauf hinweist, daß die Fusion zunächst eine Idee aus Bonn gewesen sei, die auch im verhaßten Einigungsvertrag festgeschrieben ist, hat er das Publikum auf seiner Seite. Der Applaus ist ihm sicher, wenn er listig argumentiert, daß der Osten mit der geplanten Länderneugliederung „wieder einmal zum Testfeld für den Westen“ werde: „Warum geht nicht ausnahmsweise mal das Saarland oder Hamburg mit gutem Beispiel voran?“

Manche schießen ganz direkt. So polemisiert Berlins CDU-Fraktionsvize Uwe Lehmann-Brauns offen gegen die Fusion und den Kurs seiner Partei. Er wolle auf keinen Fall von Stolpe regiert werden, gibt der Anwalt zu Protokoll – „schlimm genug, wenn ein IM Sekretär Ministerpräsident werden konnte“. Im Grunde sei das Nachbarland doch noch immer „eine kleine DDR“.

Und in der Lausitz kursiert derzeit eine Einladung des konservativen Berliner CDU-Kreisverbandes Wilmersdorf, in der für ein „christliches Preußen“ geworben wird. „Die herrliche Mark Brandenburg„, heißt es in dem Mitgliederschreiben, „darf nicht den Roten überlassen bleiben.“

Solche Sprüche mögen alteingesessene West-Berliner dazu bewegen, am 5. Mai für ein gemeinsames Land zu stimmen. In Brandenburg dagegen verletzen die Verbalattacken die empfindliche Volksseele. Manfred Stolpe nennt das „über Bande gegen die Fusion spielen“.

Gelobt sei, was angst macht. Einen Beleg für die These vom gottlosen Stolpe-Staat lieferte den Berlinern beispielsweise vor vier Wochen die Entscheidung des Potsdamer Landtags, den Religionsunterricht aus den Schulen zu verbannen und statt dessen das Pflichtfach „Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde“ einzuführen.

Die Brandenburger wiederum fühlen sich in ihrer Angst vor einer zweiten Abwicklung durch die Kalte-Krieg-Rhetorik führender Christdemokraten aus der Hauptstadt bestätigt. So trifft der CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky die Märker ins Herz, wenn er großspurig ankündigt, „nach der Fusion die sozialistischen Wärmestuben mit dem eisernen Besen ausfegen“ zu wollen.

Während die Märker die Mehrheit der insgesamt 3,5 Millionen Hauptstädter fürchten, fühlen sich viele West-Berliner von einer Ossi-Dominanz bedroht. Sie addieren zu den 2,5 Millionen Brandenburgern noch die 1,3 Millionen Bewohner des Berliner Ostens hinzu. Wer sich in der Region als Opfer fühlen will, bleibt, Adam Riese sei Dank, immer in der Minderheit.

Nun befürchten viele Brandenburger, daß der Berlin-Zentralismus wieder auflebe, da er im Fusionsvertrag für alle Zeiten festgeschrieben sei. Wie alle Vereinigungsgegner können sie sich in ihrer Ablehnung einer absurden Doppel-Mathematik bedienen.

Mitunter verdichten sich die Gegenargumente zu einer seltsamen Mischung aus Larmoyanz und Antikommunismus, so daß selbst dem bedächtigen Diepgen der Kragen platzt: „Det Jeschwätz vom roten Meer kann ick nicht mehr hören“, blafft er die Berliner Unions-Senioren bei einer CDU-Veranstaltung im Roten Rathaus an. „Ich will doch auch nicht, daß Manfred Stolpe Ministerpräsident wird.“

Auch rechtsliberale Intellektuelle quält die Aussicht auf Veränderung. So zieht der Historiker Arnulf Baring („Machtwechsel“) vehement gegen die drohende „Verostung“ zu Felde und wütet gegen die „hereinschwappende Primitivisierung“ durch die „verhunzten und verzwergten“ Ostdeutschen. Gern bemüht Baring bei seiner Ethno-Polemik die wechselvolle Geschichte der Region und beruft sich auf Theodor Fontane, dem das Berliner Umland schon vor über hundert Jahren „sehr fremd vorgekommen“ sei.

Ein Rentner aus der Berliner Umlandgemeinde Falkensee wünscht sich von seinem Ministerpräsidenten, „daß der Bus doch mal eine günstigere Route durch den Ort nehmen soll“.

Vier Dorfbürgermeister aus der Prignitz wollen die Einwohner dazu aufrufen, am Abstimmungstag nein zu sagen, wenn nicht die Schlaglöcher in der Durchgangsstraße ausgebessert werden.

Keine Veranstaltung vergeht, ohne daß die Zuhörer die hohe Arbeitslosigkeit beklagen oder das Ansteigen der Kriminalität. Und einmal in Schwung, führen sie gleich alle Mißstände auf, die ihnen sonst noch so einfallen.

Quelle: SPIEGEL 18/1996

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