Hartz IV – Die Wahrheit über Berlins Kinderarmut

15 Aug

Berlin hat eine erfreuliche Geburtenrate. Doch jedes dritte Baby wächst in Hartz-IV-Verhältnissen auf.

Das Glück, ein Kind zu bekommen. Rund 30.000 Berliner Eltern wird es zu Teil. Jedes Jahr. Damit steht die Hauptstadt im Bundesvergleich gut da. 9,3 Geburten sind es auf 1000 Berliner, bundesweit liegt die Rate bei nur 8,3. Doch so erfreulich die Geburtenzahlen auch sind – die sozialen Umstände, unter denen viele Kinder in unserer Stadt aufwachsen, erschrecken. Das belegen Zahlen, die jetzt erstmals veröffentlicht wurden.

picture-alliance/ dpa Jedes dritte Kind, das 2010 in Berlin geboren wurde, lebt in einem Hartz-IV-Haushalt

picture-alliance/ dpa Jedes dritte Kind, das 2010 in Berlin geboren wurde, lebt in einem Hartz-IV-Haushalt

Danach wurde mehr als jedes dritte Baby, das 2010 in Berlin zur Welt kam, in einen Hartz-IV-Haushalt hinein geboren.

Konkret: Von den 33.393 Neugeborenen lebten 13.647 von Hartz IV. Das entspricht einer Quote 40,8 Prozent. So steht es in einer Antwort des Sozialsenats auf eine parlamentarische Anfrage des fraktionslosen Abgeordneten René Stadtkewitz. Der Senat beruft sich auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit.

Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband gilt „jedes Kind, das auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen ist, als von Armut betroffen“. Heißt also: Mehr als 40 Prozent aller Babys in der Hauptstadt wachsen in Armut auf.

Warum ist die Zahl in Berlin so hoch? Berlin hat so viele Langzeitarbeitslose wie kein anderes Bundesland. Ein weiterer Grund: Immer mehr Mütter sind alleinerziehend, leben von Hartz IV und bekommen häufig keinen Unterhalt vom Vater des Kindes. Diese Frauen können sich das Kindergeld (184 Euro) auf die Grundsicherung für ein Kind (215 Euro) aufstocken lassen – vom Jobcenter.

Neugeborene in Hartz-IV-Haushalten. Am höchsten ist die Quote in Neukölln mit 61,9 Prozent. In MarzahnHellersdorf leben 59,5 Prozent der Babys von Hartz IV, in Mitte 50,5 Prozent.

In Pankow, dem mit 4421 Neugeborenen (2010) geburtenreichsten Bezirk, ist die Quote mit 21,6 Prozent am niedrigsten. Doch auch hier ist noch jedes fünfte Kind betroffen.

„Bedenkliche Zahlen“

„Das sind bedenkliche Zahlen“, sagt die Sprecherin von Sozialsenatorin Carola Bluhm (Linke), Anja Wollny. „Wichtig ist, dass alle Kinder in unserer Stadt gleiche Chancen haben, auch wenn sie in sozial schwächeren Familien leben.“

Erfreulich ist, dass die Zahl der Geburten in Berlin wieder steigt (plus vier Prozent 2010). Doch steigt damit auch die Zahl der armen Babys? „Die Eltern müssen ihren Kindern mehr Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung vorleben. Andernfalls landen ihre Kinder in der lebenslangen Hartz-IV-Falle“, sagt der Abgeordnete René Stadtkewitz. Auch FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer sieht die Eltern in der Pflicht. „Vor allem Leistungen des Bildungspaketes wie Unterrichtsmaterialien und warmes Mittagessen müssen noch von vielen mehr beantragt werden“, so Meyer.

Der sozialpolitische Sprecher der CDU, Gregor Hoffmann, fordert, dass betroffene Eltern und Kinder noch stärker unterstützt werden. „Ganz wichtig ist, dass die Kleinen in die Kita gehen. Das wird in sozialschwachen Familien leider immer seltener organisiert.“

Rasheeda ist eines von 2044 Babys, das vor einem Jahr in Neukölln in einen Hartz-IV-Haushalt hineingeboren wurde. Ihre Mutter Jeannette W. (27) lebt seit mehreren Jahren mit der Hilfe vom Staat. „Vor allem die letzte Woche im Monat ist hart, da reicht das Geld kaum noch“, sagt die gelernte Pflegeassistentin. Nicht mal ein Eis sei dann manchmal drin. „Das ist traurig. Man will ja seinem Kind etwas bieten.“ W. hofft: „Meine Tochter soll eine besser Zukunft haben und nie Hartz IV beantragen müssen.“

Die Wahrheit über Berlins Kinderarmut

Die Wahrheit über Berlins Kinderarmut

Die gelernte Friseurin Monika K. (26) aus Neukölln zieht ihre beiden Töchter Zawadi (7) und Shelsy (1) sowie Sohn Tyrese (3) alleine auf. „Ich lebe seit mehr als einem Jahr von Hartz IV. Das reicht gerade so, da die Kinder Gott sei Dank keine großen Esser sind.“ Allerdings: Monika W. hat 20.000 Euro Schulden. „Wenn Shelsy groß genug ist, will ich wieder als Friseurin arbeiten.“

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